Touren [Enduro-Park Hechlingen]

Nachdem ich 2004/2005 die Ligurische Grenzkammstraße (LGKS) in Angriff nehmen wollte (hat aber bis heute noch nicht geklappt x(!) und meine Geländeerfahrungen mit der GS eher als bescheiden einzustufen sind, spukte mir der Gedanke ein Endurotraining mit meiner Q zu machen schon seit geraumer Zeit durch den Kopf. In Seemannshausen lernte ich letztes Jahr u.a. auch Lotte kennen, der mir dabei von seinem Plan, ein BoFo-Internes-2-Tages-Enduro-Training über Ostern 2004 aufzuziehen, erzählte. Als dann im Spätherbst 2003 auch eine entsprechende Ausschreibung im Boxer-Forum erfolgte, war ich einer der ersten, die sich anmeldeten.

Besonders vorbereitet habe ich mich auf dieses Training nicht, denn es hieß, dass die Teilnehmer je nach Qualifikation in verschiedene Gruppen eingeteilt würden. Meine Vorbereitung beschränkte sich also auf das Herrichten und Packen meiner Klamotten so ungefähr zwei Stunden vor Reiseantritt. In Anbetracht der angekündigten Bedingungen und den mir bekannten Horrorgeschichten vom Q wegwerfen o.ä. habe ich bei der Auswahl meiner Motorradbekleidung auf die Uralt-Reusch-Kombi, meinen Evo4 und die Savannastiefel zurückgegriffen - im Nachhinein eine gute Entscheidung! Die Kleidung (Jacke, Hose und Handschuhe) flogen nach dem Training in die Waschmaschine, die verschlammten Stiefel wurden getrocknet und gelüftet und das Innenleben des Helms einer Total-Reinigung unterworfen.

Anreise

Ich erreichte Hechlingen am frühen Abend nach zweistündiger Autofahrt; ja richtig gelesen, ich bin mit dem Auto gefahren oder besser mitgefahren (Danke Ele :-)) und würde es im Wiederholungsfalle aufgrund verschiedener Aspekte wie jede Menge Gepäck, kaputte Knochen und dergleichen mehr auch wieder tun. In der Nähe Hechlingens sah ich an einer Einmündung schon von weitem ein großes Hinweisschild "BMW Enduropark". Die Neugier war größer als der Drang nach einem Weißbier - also rechts abgebogen und eine Runde gucken gehen! Spätestens jetzt wollte ich doch unbedingt wissen, worauf ich mich da eingelassen hatte... . Der Enduropark entpuppte sich als eine große ehemalige Kiesgrube, die von BMW endurogerecht aufbereitet wurde: Kies, Sand, Wasserdurchfahrten, Steilhänge usw. Auf dem Gelände steht außerdem ein modernes Empfangs- und Aufenthaltsgebäude mit einer Außenterrasse, Duschen und Toiletten, sowie zwei Wellblechhangars, in denen sich die Motorräder befinden. Außerhalb des Geländes hat man Zutritt zu einer Besuchertribüne, von der man einen Teil des Geländes beobachten kann.

Nach einem langen, nicht unbedingt freudigen Blick auf das Gelände drängte sich mir der Gedanke und Wunsch nach sofortiger Heimfahrt auf. Während andere hier von freudigen Gefühlsausbrüchen erzählen, rutschte mir mein Herz und Mut doch ziemlich tief in die Hose. Nach mehrmaligem Schlucken und einem intensiven Blick auf die Rechnung von 520,- € entschloss ich mich aber dann doch, jeden einzelnen dieser Euros auszuleben, was sich als eine der besten Entscheidungen in meinem Motorradleben entpuppen sollte.

Training - Tag 1

Am Samstag trafen wir gegen 08.30 Uhr auf dem Gelände ein. Insgesamt nahmen rund 35 Motorradfahrer an dem Training teil. Bis auf zwei Ausnahmen buchten die Teilnehmer das Training inklusive Mietmaschine. Als Mietmotorräder standen R 1200 GS, R 1150 GS Adventure oder F650GS/Dakar zur Auswahl. Ich hatte als Leihmaschine eine R1200GS, obwohl mir eine R 1150 GS lieber gewesen wäre.

Die Begrüßung durch die vier Instruktoren, dem Mechaniker und dem guten Geist der Hechlinger Anlage fand in dem neuen Empfangsgebäude statt. Zur Einstimmung gab es zahlreiche organisatorische Hinweise und ein Begrüßungsvideo des BMW-Vorstands. Dann endlich kam das Wesentliche: Wir übernahmen die Maschinen und ordneten uns den vier verschiedenen Gruppen (Anfänger, Fortgeschrittene, weiter Fortgeschrittene und "Profis") zu. Ich habe mich der Gruppe 2 unter der Leitung von Thomas Kraft angeschlossen und diese Entscheidung im weiteren Verlauf in keiner Minute bereut, da die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen 2 und 3 nur marginaler Natur waren.

Mein Interesse galt natürlich zuerst der mir zugewiesenen R 1200 GS: Geländebereifung (Conti TKC80) mit auf 1,6 Bar abgesenktem Luftdruck, die Lenkerarmaturen so weit gelockt, dass sie bei einem Sturz nicht abbrechen, sondern sich nur verdrehen. Interessanterweise hatte keine Maschine Handprotektoren montiert, die Spiegel waren demontiert. Die Lenker und Armaturen waren zusätzlich weit nach vorne bzw. oben gedreht, da die meiste Zeit im Stehen gefahren wurde. Trotz dieser Maßnahmen war das Stehendfahren auf Dauer für meinen Rücken (1.96m Körperhöhe) alles andere als angenehm und so habe ich mir in beiden Trainingstagen nichts sehnlicher gewünscht, als die Lenkererhöhung von meiner GS unter dem Lenker zu haben.

Die ersten Übungen hatten zum Ziel, Gefühl für die Maschinen zu bekommen und richtiges Fahren im Gelände zu trainieren: extremes Langsamfahren um Pylonen, die immer enger gesteckt wurden, Fahren mit einer Hand oder nur auf der linken oder rechten Fußraste stehend (mit dem jeweils anderen Bein natürlich), auf der Sitzbank kniend, usw. Diese Übungen waren keine "Eintagsfliegen", sondern zogen sich durch das gesamte Training. Zwischendurch lernten wir noch, wie man eine umgefallene GS ganz leicht wieder aufstellt, wie man eine stehende GS mit einem Finger ausbalanciert oder eine auf dem Hauptständer geparkte GS mal kurz um 180° Grad dreht.

Ein erstes Highlight war die Übung "Bremsen im Gelände". Zuerst wurde sehr eindrucksvoll der Unterschied zwischen Bremswegen mit und ohne ABS auf Schotter gezeigt. Danach wurden sämtliche Bremsübungen mit ausgeschaltetem ABS gefahren. Bei der ersten Übung wurde auf 30 bis 60 km/h (je nach Gusto) beschleunigt und nur mit der Hinterradbremse gebremst. Dabei kann ein ausbrechendes Heck geschickt ausbalanciert, d.h. absichtlich quergestellt werden. Bei der nächsten Übung sollte das Gefühl für die Vorderradbremse trainiert werden. Der Bremshebel sollte soweit gezogen werden, bis das Vorderrad leicht blockiert; das stehen bleiben selbst sollte aber durch vorsichtiges Drehen am Gas und leichtes Öffnen der Bremse verhindert werden. Irgendwie war das schon Klasse, so mit blockierendem Vorderrad über den Schotter zu rutschen. Das Problem für mich war nur, dass ich einmal die Bremse zu heftig zugemacht habe und folgerichtig meinen ersten und Gott sei Dank einzigen Abflug gemacht habe. Die Q fand dies allerdings nicht so lustig und lag bzw. stand entsprechend belämmert mit aufgerissenem Ventildeckel in der Gegend rum. Aber dank eines 1a-Mechanikers gab es innerhalb kürzester Zeit einen neuen Deckel sowie neue Lenkerarmaturen und wir waren wieder voll einsatzbereit. Spaß gemacht hat auch das Bremsen auf Schotter am Hang abwärts: Auch unter diesen Umständen ist punktgenaues Bremsen nur mit der Vorderradbremse möglich; mit der Hinterradbremse ist diese Aktion eine arge Rutscherei - von Bremsen kann man da wohl eher nicht reden.

Zwischendurch wurden immer wieder Fahrten durch die Kiesgrube gemacht, um das Gelernte auch "in der Praxis" einzusetzen. Gegen Mittag machten wir uns dann nach Hechlingen zum Mittagessen auf. Frisch gestärkt ging es dann weiter. Zuerst wieder einige "Auflockerungsfahrten", erste zaghafte Steilauffahrten usw. Eine andere "gemeine" Übung war das Durchfahren eines schmalen Weges. Der "Weg" waren zwei parallele, ca. 10 m lange Baumstämme, die in etwas mehr als der Reifenbreite auseinander lagen. Mit der richtigen Blickrichtung (nie vor das Vorderrad schauen, sondern immer dort hin, wo man hin möchte) klappte aber auch diese Übung recht problemlos.

Das Highlight an diesem Tag war aber dann die Fahrt durch ein nahe gelegenes Panzerübungsgelände mit zwei Wasserdurchfahrten und der Möglichkeit, die Q im Gelände mal so richtig laufen zu lassen. Es erwarteten uns Panzerspuren, die mit morastigem Wasser Vollgelaufen waren und durchfahren wurden. Wird dabei zu viel Gas gegeben (und das hat fast jeder gemacht), schlägt das Wasser über dem Fahrer zusammen und man sieht dementsprechend aus. Das sieht zwar sehr spektakulär aus, kann aber unter ungünstigen Gegebenheiten dazu führen, dass das Wasser in den Luftfilterkasten eindringt und die Q nicht mehr mag. Es darf aber auch nicht zu wenig Gas gegeben werden, denn in den Wasserlöchern liegen viele Steine und wenn das Vorderrad auf ein solches Hindernis trifft kippt die Maschine zur Seite und verschwindet in den Fluten - als Folge "säuft" der Motor natürlich ebenfalls ab.

Training - Tag 2

Am nächsten Morgen fühlte ich mich erwartungsgemäß nicht so wahnsinnig gut! Meine Hände und Unterarme fühlten sich wie taube Holzstücke an; das ununterbrochene Arbeiten mit Kupplung, Handbremse und Gas forderte also seinen Tribut. Blaue Schienbeine und solch' Kleinigkeiten als Andenken an den gestrigen Abflug waren ebenfalls nicht wegzudiskutieren.

Nach dem Frühstück ging es wieder in den Enduropark. Das Ziel des heutigen Tages war die Vertiefung des gestern erlernten. Doch zuvor standen einige Lockerungsübungen auf dem Programm: Arme hoch, Beine hoch, Kniebeugen, Hampelmänner usw. Nachdem wir dann locker genug waren, ging es wieder auf die Motorräder.

Die ersten Übungen waren vertraut: Pylonen umfahren und einige Runden durch den weitläufigen Enduropark drehen. Vertieft wurde dann die gestrige Übung "Fahren durch einen schmalen Weg". Dazu ging es in die so genannte Kuschelecke, wo sich zahllose schmale und tiefe Wege durch das Gelände schlängeln. Wird das Vorderrad dabei nicht genau in der tiefen Spur geführt, gerät die Fuhre ziemlich ins Schlingern und schlimmstenfalls trennen sich Fahrer und Maschine unsanft. Mit der richtigen Blickführung (das "A" und "O" überhaupt) klappte diese Übung aber (meistens) recht gut. Probleme kamen eigentlich nur dann auf, wenn sich einer der Vorderleute lang gemacht hatte, denn die tiefe Spur war wirklich mehr als tief und das Anfahren darin trotz der trockenen Verhältnisse alles andere als spaßig.

Der Schwerpunkt dieses Tages war eindeutig das Be- und Abfahren von Steilwänden. Die Geschwindigkeit kommt aus dem flachen Teil der Strecke und somit ist der Trick bei der ganzen Angelegenheit, schon mit ausreichend Gas anzufangen, diesen Speed in die Kompression mitzunehmen und dann am Beginn der Steigung das Gas etwas wegzunehmen und im Hang kontinuierlich und mit Gefühl am Gas zu bleiben. Kurz vor Erreichen der Oberkante wird dann das Gas weggenommen. Klingt kompliziert, ist es aber nicht wirklich; diese Übung zeigte mir auch, dass die neue R 1200 GS in fast jeder Situation unheimlich Grip am Hinterrad hat. Dazwischen immer wieder ausgedehnte Fahrten durch das Gelände des Enduroparks, um das Erlernte in der Praxis einsetzen zu können.

Die letzte Übung des Tages und des Trainings bestand aus dem Befahren einer Tiefsandpassage. Diese Passage ist eine Sandfläche mit tiefem, losem Sand. War bzw. ist die R 1150 GS aufgrund ihres "kleinen" Vorderrades und des hohen Gewichts nicht so sehr für diese Übung geeignet, so klappte dies mit den wesentlich leichteren R 1200 GS'en doch recht gut. Lässt man das Gas entsprechend stehen, verlagert das Gewicht nach hinten und achtet auf seine Blickführung, meistert man auch diese Übung. Tut man dies nicht oder nicht richtig, macht man unweigerlich einen Abflug! Um jedoch meine uneingeschränkt positiven Erfahrungen aus den beiden letzten nicht zu zerstören, habe ich auf diese Übung verzichtet und habe den anderen entspannt beim ‚Fliegen' zugesehen.

Damit endete dieses erstklassige Training leider viel zu früh (wie sich die Ansichten doch ändern!). Zum Schluß wurden noch die Teilnehmerurkunden, das offizielle Enduropark T-Shirt und ein BMW-Kugelschreiber verteilt. Gegen 17:30 Uhr brach ich dann frisch geduscht und hundemüde, aber rundherum zufrieden in Richtung Heimat auf. Ein kleinerer Teilnehmerkreis blieb wohl noch einen Abend und diskutierte bei dem einen oder anderen Bierchen das in den beiden vergangenen Tagen Erlebte.

Fazit/Resumée

Die zwei Tage im BMW Enduro Park waren einfach spitzenmäßig und haben mir tierischen Spaß gemacht! Natürlich bin ich in diesen beiden Tagen nicht zum Geländeprofi geworden, aber das Training hat mir doch sehr viel Vertrauen in meine und die Fähigkeiten meiner GS gegeben. Gleichzeitig habe ich meine fahrerischen Grenzen neu gesteckt und zum Teil auch aufgezeigt bekommen. Das Training selbst ist äußerst professionell organisiert und die Instruktoren sind nicht nur fahrerische Profis, sondern können ihr Wissen auch noch prima an den Mann bzw. an die Frau bringen. Die Verpflegung war ebenfalls mehr wie ausreichend gesichert, für Zwischendurch waren immer Vitamine in Form von frischem Obst und ausreichend Getränke vorhanden - sich selbst etwas zu organisieren war aus meiner Sicht völlig überflüssig.

Ich kann jedem "Normalfahrer" den Besuch des Enduroparks nur ans Herz legen und uneingeschränkt empfehlen! Mal abgesehen davon, dass ich hier zwei tolle Tage verbracht habe denke ich, dass der Slogan dieses Trainings 'wer seine Maschine im Gelände beherrscht, tut dies auf der Straße erst recht' absolut zutreffend ist.

Sonstiges

Diejenigen, die es interessiert, kann ich auch eine Teilnehmerliste der anwesenden BoForisti anbieten :-). Das © Copyright für die Bilder liegt übrigens bei Werner Haubold, ALU (Andreas Luthardt), Lars Ritterhoff und Schiedi (Stefan Schiedermaier) :-) (Vielen Dank!).

 
HinweiseSeitenanfangStartseiteÜbersicht letzte Änderung: 18.05.2012